Schocker für Docker

Dienstag, 21. Januar 2020 | Jan Kleinert

Im Tempel des Gottes Saturn am Fuß des Kapitols bewahrten die alten Römer ihren Staatsschatz auf. Saturn, mythologisch der Gott der Aussaat, sahen offenbar schon unsere Vorfahren als finanziell systemrelevant an. Ob seine überlieferte kulinarisch-exotische Neigung, die eigenen Kinder zu verspeisen, der ökonomischen Zuschreibung dienlich war, kann ein Volkswirt mit Nebenfach Geschichte vermutlich besser beantworten als ein bloggender Portfolio-Manager mit Ingenieurstudium.

„Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder“ schreibt Georg Büchner in „Dantons Tod“ und lieferte damit die Vorlage für eine noch heute geflügelte Redewendung. Sie zu zitieren sahen sich Ende 2019 Angehörige der Freie-Software-Community (wahrlich nicht zum ersten Mal) genötigt, als die finanziell klamme Open-Source-Firma Docker, Inc. ihre kommerziellen Kronjuwelen Docker Enterprise Platform nebst 700 Enterprise-Kunden und 300 Docker-Mitarbeitern an die Open-Stack-Company Mirantis veräußerte. Dass fast zeitgleich der CEO, Rob Bearden, das Trockendock verließ und eine in hohem Maße engagierte Wagniskapitalgesellschaft hinter Docker auch an Mirantis beteiligt ist, legt nahe, dass die Verkaufsidee nicht auf dem Gelände des Heimathafens entstand.

Dabei ist das Docker-Framework zweifellos Auslöser der Container-Revolution, die gerade die Zukunft weiter Teile der VM-basierten IT-Landschaft infrage stellt. Technisch hatte es Container schon lange Zeit vor Docker gegeben (Linux Containers, LXC), aber erst Docker blies zum Sturm auf die Bastille. Doch kaum war die Revolution gelungen, trat die Orchestrierungsplattform Kubernetes auf den Plan und holte sich große Teile des Marktes, den Docker eigentlich mit Swarm beglücken wollte. Mit dem Asset-Verkauf an die Kubernetes-Fans und -Förderer von Mirantis erklärt Docker die erhoffte Swarm-Intelligenz offenbar zur Dummheit.

Docker, Inc. bleiben nach dem Schafott die Community Edition, Docker Desktop und Hub als Früchte der Revolution. Rund 300 Millionen US-Dollar soll Docker über die Zeit an Finanzierung erhalten haben und hatte mit einem Teil des Geldes selbst sieben Firmen geschluckt. Dockers neues Management hat sich für die Website bescheiden vor einer Hecke stehend ablichten lassen, offene Stellen sind nicht zu besetzen. Gerade wurde bekannt, dass die jährliche Konferenz DockerCon, die 2019 noch pompös zelebriert wurde, in Form einer Webkonferenz stattfinden soll. Einen Termin gibt es noch nicht.

Die Revolution hat wie Saturn eines ihrer Kinder gegessen. Die Ökonomie hat – wen kann es wundern – den kannibalischen Akt ausgelöst. Andererseits: Wer die Penaten, das waren die römischen Schutzgötter der Vorräte, derart wenig verehrt, muss sich nicht wundern, wenn die Glücksgöttin Felicitas wegbleibt. Die alten Römer sahen den Kindernager Saturn übrigens positiv und gaben ihrem jährlichen Hauptfest den Namen Saturnalien. Die fröhliche Fete ging stets über mehrere Tage, die Bürger beschenkten sich gegenseitig und bewirteten ihre Sklaven am eigenen Tisch. Docker ist in Sachen Akzeptanz schlicht 2000 Jahre zu spät dran.

Geschrieben von Jan Kleinert - Portfolio Manager

Jan Kleinert arbeitet seit September 2019 als Portfolio Manager bei Claranet Deutschland. Unter anderem ordnet, dokumentiert und vermehrt er die Services, die der Managed-Cloud-Spezialist seinen Kunden anbietet. Zuvor war Kleinert fast 19 Jahre lang Chefredakteur der Zeitschrift Linux-Magazin.

Profitieren Sie von unserem Know-how und kontaktieren Sie uns!

Rufen Sie uns an:

Wir sind Montags bis Freitags zwischen 08:00 und 18:00 unter +49 (0)69 40 80 18 0 für Sie da.

Unseren technischen Support erreichen Sie rund um die Uhr unter der Nummer +49 (0)69 40 80 18 300.